Männlich dominiert und exklusiv weiß: das deutsche Hörspiel

Vielen Dank an den Autor Rafik Will, der uns diesen tollen Text für den Blog zur Verfügung gestellt hat:

 

Check your Privilege!

 

Privilegien gelten denen, die über sie verfügen, als selbstverständlich, bevorzugte Positionen werden unhinterfragt eingenommen. Ein heterosexueller, weißer Mann z.B. ist gleich mehrfach privilegiert. Der gemeine Vertreter dieser Spezies weiß aber nichts von seinem Glück. Und er will davon auch gar nichts wissen. Es kann sogar passieren, dass er aggressiv wird, wenn man ihn auf seine Angehörigkeit zu einer Zufallselite aufmerksam macht. In der letzten Zeit wird diese Aggressivität unverhohlen ausgelebt – ob verbal oder körperlich, ob in sozialen Netzwerken oder auf der Straße. Der heterosexuelle weiße Mann will sich zwar in der Regel nicht eingestehen, dass seine Position die denkbar vorteilhafteste ist. Wenn sich verschiedene Minderheiten oder Frauen aber gegen ihre eigene Diskriminierung und für ihre Gleichberechtigung stark machen, schrillen bei ihm alle Alarmglocken. Denn dann meint er, seinerseits diskriminiert zu werden. Er sieht sich als Opfer eines vermeintlichen linksliberalen Mainstreams und wehrt sich: gegen ein Asylrecht, das seinen Namen wert ist, gegen die gleiche Bezahlung von Frauen bei gleicher Arbeit oder auch gegen den rücksichtsvollen Sprachgebrauch beim Reden über »ethnische« oder sexuelle Minderheiten.

 

Der weiße heterosexuelle Mann hat aber seine Privilegien und es wundert einen deswegen nicht, dass dessen rückschrittliche Positionen eine weite Verbreitung finden. Man kann sagen, dass der gesellschaftliche Mainstream zur Zeit ein rechtskonservativer Rollback in allen Bereichen ist. Trotzdem werden, nur weil der reaktionäre Chor in seiner stimmlichen Tragkraft weiter anschwillt, die existierenden Probleme nicht weniger. Eines davon lautet: Das deutsche Hörspiel ist verdammt weiß und ziemlich männlich.

 

In der kanonisierten Literaturgeschichte und auch noch im modernen Literaturbetrieb, an dem auch das Genre Hörspiel teilhat, dominieren weiße heterosexuelle Männer. Diese Beschränktheit bei der Gruppenzusammensetzung in Sachen Diversität hat einen unmittelbaren Einfluß auf die dargebotenen Inhalte und die Perspektiven, aus denen das geschieht. In erster Linie geht es (wenig überraschend) meistens darum, die Seelentiefen weißer, heterosexueller Männer auszuloten. Wer meint, das sei gar nicht der Fall, und es gehe in der Literatur und damit im Hörspiel viel mehr darum, sich den unendlichen Möglichkeiten des allgemein Menschlichen zu widmen, lässt eines außer Acht: Wer sich sonst so als Mensch definiert, hat bestenfalls einen Platz als literarisches Beiwerk. Allgemein menschlich bedeutet dadurch zwangsläufig männlich und weiß.

 

Gibt es denn z.B. keine starken Frauenfiguren? Doch, aber die erscheinen als etwas Einzigartiges und brauchen ein Heer schwacher, unscheinbarer Frauen mit Statistenrollen, um hervortreten zu können. Ähnliches gilt für die seltenen nicht-weißen Protagonisten – beide Male sticht die teleskopische Perspektive der heterosexuell, weiß und männlich geprägten Autorenschaft durch. Im Hörspielbereich wird dieser Effekt noch verstärkt, indem recht betagte Literaturklassiker adaptiert werden, die aus Zeiten stammen, die noch mit stabilen, unveränderlichen Rollenbildern hantierten. Auch in der Gemeinde der lebenden Hörspielautorenschaft ist die weiße Männlichkeit vorherrschend. Wer es nicht glaubt, sollte einen Blick auf die Liste der Preisträger namhafter Hörspielpreise werfen.

 

Zum Thema Rassismus wird nun manch einer bestimmt die These aufstellen, darüber müsse man nicht reden. Schließlich sei Hautfarbe eine vornehmlich visuelle Kategorie, die im Hörspiel schlichtweg keine Rolle spiele. Das ist zum einen eine bequeme Ausrede dafür, dass Weiße im deutschen Hörspiel weitgehend unter sich bleiben – sowohl auf der Produktionsebene als auch im Publikum (wer etwas anderes behauptet, war noch nicht mit offenen Augen auf einem der einschlägigen Hörspielfestivals). Zum anderen ist es aber einfach falsch, denn Rassismus hat auch zahlreiche Facetten, die sich im deutschen Hörspiel bemerkbar machen.

 

Deutlich wird das etwa an der Besetzung von Rollen. Weiße Schauspieler und in gewissem Maß auch Schauspielerinnen haben die unterschiedlichsten Gelegenheiten, ihr stimmliches Können zu zeigen. Wenn man hingegen nicht-weiß ist und zur Schauspielzunft gehört, sind die beruflichen Möglichkeitsräume sehr begrenzt und meistens eng an die eigene »ethnische Abstammung« gekoppelt. Mancher Regisseur legt nun mal wert auf eine »authentische« Besetzung, wenn z. B. in einem Krimi mal wieder der typisch klischeehafte Gangster mit Migrationshintergrund zu spielen ist. Manchem Regisseur genügt es aber auch, wenn hier ein weißer Schauspieler einfach einen Straßen-Akzent nachmacht.

 

Zu den Fake-Akzenten und fehlender Sensibilität für weiße Dominanz kommt ein Rassismus-Problem des deutschen Hörspiels auf inhaltlicher Ebene. Nicht-weiße Perspektiven und Themen werden selten aufgegriffen, schon gar nicht, wenn sie von nicht-weißen Autorinnen und Autoren stammen. Falls das doch mal der Fall sein sollte, handelt es sich bei den betreffenden Hörspielen oft um importierte Adaptionen aktuellerer Texte aus den USA oder Großbritannien. Damit tut man in den Hörspielredaktionen so, als gäbe es in der heutigen BRD keinen Rassismus, was auf ein verqueres Verhältnis zur Wirklichkeit schließen lässt.

 

Als erschreckend engstirnig kann man nur das Beharren auf dem Gebrauch diverser herabsetzender Begriffe z.B. für Schwarze oder Sinti und Roma in einigen Hörspielredaktionen bezeichnen. Wenn zum Beispiel Neuadaptionen alter englischsprachiger Literaturklassiker von längst verstorbenen weißen Autoren durchgeführt werden, findet sich in deren Endfassung schon mal das deutsche N-Wort als Äquivalent zum englischen. Sogar in Passagen, in denen lediglich neutral erzählt wird und kein Charakter durch direkte Rede gezeichnet werden soll. Erklärt wird dieses Beharren dann mit Texttreue und Willen zur Authentizität. Ein lächerliches Argument angesichts zweifacher Bearbeitung, rechnet man die Übersetzung hinzu.

 

Ein Grund für solches Beharren ist, dass deutsche Hörspielredaktionen oft exklusiv weiß sind, nicht-weiße Bevölkerungsteile bleiben hier unrepräsentiert. Damit wird die Beschäftigungspolitik der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gespiegelt. Je höher es in deren Hierarchie geht, desto männlicher und vor allem weißer wird es. Und Bewusstsein für die eigenen Privilegien lässt sich nicht so schnell herstellen. Man könnte deswegen jetzt natürlich sagen, dass es sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt und dass es nunmal kein richtiges Leben im falschen gibt. So argumentiert allerdings nur, wer sich aus der Affäre ziehen will, um ungestört so weiterzumachen wie bisher. Jeder hat sein eigenes Wirkungsfeld und das sprachgewaltige Genre Hörspiel mit dem daranhängenden Betrieb könnte sich deutlich stärker auf Gebieten wie der Entdeckung und Förderung nicht-weißer Autorinnen und Autoren engagieren, mehr nicht-weiße Schauspieler in den Neuproduktionen einsetzen und allgemein etwas mehr an der Abschaffung der »ethnischen« Exklusivität arbeiten. Ansonsten hängt man sein Fähnchen nur in den Wind des Zeitgeists.

 

Rafik Will

zuerst veröffentlicht in “Seismographie des Hörspiels”, Belleville Verlag, Nov 2017: www.belleville-verlag.de/scripts/buch.php?ID=753