Autorinnen-Profil: Sandra Grether

Sandra Grether 

Sandra Grether

gründete Ende der 1990er die erste deutschsprachige Riot Grrrl Band PAROLE TRIXI, weil sie sich wunderte, dass es in Deutschland keine Band gibt, die sich auf diese Bewegung bezieht. Vom STERN als „die provokanteste Band Deutschlands“ bezeichnet. Tabubrechend, schon damals mit den feministischen Themen von heute: Slutshaming, #meetoo, Benennen von Macht-Strukturen usw.  Musikalisch unterschätzt, da man einer „Frauenband“ keine ausufernden Gitarren-Soli, jazzige Arrangements und lyrische Texte im Rap-Reim-Schema zugestehen wollte.

Vorher hatte sie in der SPEX über jede anglo-amerikanische Riot Grrrl Band geschrieben, die je ein Demotape veröffentlicht oder auch nur einen Gitarrenverstärker die Treppe heruntergetragen hat. Sowie über unzählige male Rockbands.  Gleich nach ihrer Schulzeit war sie magersüchtig geworden und dadurch irgendwie “auf die andere Seite” gekommen. Nach einer relativ schnellen Genesungsphase war sie noch wütender als vorher  – und eine eigene Band musste her!

Da traf es sich gut, dass sie schon  immer die lauteste Stimme in ihrer Stammkneipe gehabt hatte. Gitarrespielen konnte sie noch aus ihrer Kindheit, wo sie jahrelang Unterricht in Gitarre und Klavier hatte. Sie zog vom Kölner “Sixpack” in die Hamburger Schule um.

2002 erschien auf Alfred Hilsbergs ZickZack-Label das einzige Parole-Trixi-Album “Die Definition von süß”, und die Band spielte viele Konzerte (u.a. im Vorprogramm von Le Tigre)  und schaffte es mit einem ziemlich schrägen Song sogar auf eine VIVA-Rotation. Sowie 2020/21:  Parole Trixis erste Cassettenbeilage (“Seid gegrüßt”) landete jüngst im Museum: in der Ausstellung “Hits & Hymnen der Zeitgeschichte” im “Haus der Geschichte” in Bonn und gilt als “erste deutschsprachige Riot Grrrl Band” (z.B. Features in den Büchern “Riot Grrrl Revisited”, Hrsg Katja Peglow, und “Damaged Goods, 150 Einträge in die Punkgeschicte”, Hrsg Jonas Engelmann; beide: Ventil Verlag).

Die Zeit hatte sich aber  schon wieder gedreht und Sandra wollte schließlich lieber poetische Rock-Chansons und ähnliches schreiben, als atonale Metalpunkjazzmusik zu machen.

So entstand die Band THE DOCTORELLA, bei der sie singt, Gitarre spielt und Songs schreibt, und die bislang zwei Alben veröffentlicht hat: 2012 erschien “Drogen & Psychologen” (ZickZack). 2016 “Ich will alles von dir wissen” (Bohemian Strawberry & ZickZack). Dies hält sie für ihr  Meisterwerk.  Jeder, der was anderes behauptet, lügt.  Aber das sind eh nicht viele. Das Album war “Album der Woche” in der FAZ , auf Platz 1 der AMAZON-Charts bei ” Alternative, Deutschland” und schlug sich auch ansonsten wacker in der hiesigen sexistischen Musiklandschaft. Bei Doctorella spielen sonst noch: Kerstin (Gesang, Keyboards), Sascha Rohrberg (Gitarre) sowie die Twin-Brothers Flavio (Drums) und Fabrizio Steinbach (Bass). Album Nr. 3 ist in Arbeit.

Gemeinsam mit Kerstin gab Sandra das Standardwerk “Madonna und Wir. Bekenntnisse” (Suhrkamp,  2008) heraus. (Weil sie noch nie Fan von Madonna war, porträtierte sie darin kurzerhand Joan Jett.)  Sandra war maßgeblich an diversen feministischen Protestaktionen der zehner Jahre in Berlin beteiligt, u.a. SlutWalk Berlin. Bei Bohemian Strawberry ist sie nicht nur für die Labelarbeit, sondern auch fürs Booking zuständig. Denn sie möchte nicht in einem Land leben, in dem nur Männer auf Bühnen E-Gitarren zerschmettern dürfen. Deshalb erscheint am 30.8.21 das von ihr uns Kersty herausgegebene “Ich Brauche Eine Genie”-Songbook im mikrotext-Verlag.