Über den Blog

“Wütend, schön und glücklich, komm ich nehm dich ein Stück mit.”  (Doctorella, Vielleicht ist heute der Tag)

“Ich brauche eine Genie” ist nicht nur der Name unserer Veranstaltungsreihe in der Kantine am Berghain, es ist auch der Name dieses Blogs.

Vielen Dank an Cord Sofa für das zauberhafte Layout und die strahlenden, stacheligen Kakteenblüten.

Der Blog ist völlig unabhängig von der Veranstaltungsreihe. Aber wir dachten, warum nicht einen schönen Titel  zweimal verwenden, zumal wir dieselben Inhalte und Schwerpunkte setzen.

Wir berichten auf  dem Button “Wilde Beeren (Our favorites)” zwar über die Musikerinnen, die auf der Veranstaltungsreihe spielen, und natürlich auch über die Musikerinnen auf Bohemian Strawberry. Aber das reicht uns noch nicht! Wir wollen euch noch viel mehr weibliche* Acts vorstellen!

“Ich brauche eine Genie” ist Expertenstimme für Frauen* in der Popmusik. Mit “Popmusik” meinen wir natürlich alle Spielarten von populärer Musik. (Wir sind ja nicht auf der Welt, um euch die millionenschweren Stars aus Übersee noch ein bisschen menschlicher und sympathischer zu machen, damit sie noch ein paar mehr kreative Acts, in die keine*r investiert hat, vom Markt drängen. Wir schreiben ja auch nicht über Prinzessinnen aus Königshäusern).

Natürlich ist auch erfolgreiche Popmusik sehr spannend zu analysieren (und anzuhören), aber auch nicht interessanter als Stoner-Rock aus Asien. Mit “Popmusik” meinen wir also zum Beispiel: Indie-Rock, Electro-Pop, Riot Grrrl, Songwriter-Folk, Rap, R&B, Trap, Garage, Metal, Punk, Postpunk, New Wave … ihr wisst schon.

Wir interessieren uns – in dieser Hinsicht sind wir eher wie typische Männer – einfach für Musiker*innen, die ihre Songs (weitgehend) selber (oder mit anderen Musiker*innen zusammen) schreiben, komponieren, performen, produzieren… Und zwar unter den normal-beschissenen Bedingungen, unter denen die meisten Künstler*innen heutzutage, in der neo-liberalen Ökonomie, halt so leben und arbeiten. Wir interessieren uns, in anderen Worten, also für die sogenannte gute Musik, egal ob blau oder rosa. Privat hören wir natürlich auch Musik, die Männer machen, aber die ist ja eh überall. Dafür bräuchten wir nicht extra einen Blog zu starten.

Wir feiern auf diesem Blog ganz allgemein das Können von Musikerinnen und kritisieren gleichzeitig die mangelnde Repräsentanz von Frauen im (hiesigen) Musik-Business.

“Ich brauche eine Genie” ist also Musikmagazin, das Musik von Frauen so ernst nimmt, wie es sich gehört – und wie es für Musikerinnen aus dem angelsächsischen Sprachraum auch schon ein Stück weit selbstverständlicher ist. Wir wollen vorführen wie das geht: einfach über female* Acts schreiben, ohne sie auf Stereotype oder Geschlecht zu reduzieren, wie das in den meisten herkömmlichen Musikmagazinen, bewusst oder unbewusst,  Print oder Online, der Fall ist. und ja: Wir geben ihnen VIEL PLATZ!

In der Rubrik “Ein paar Takte Wahrheit” wollen wir die ganz alltäglichen, aber schon zu Mythen gewordenen Zuschreibungen dekonstruieren. Also Beispiele erzählen für subtile Sexismen in der Geschichte und Gegenwart.

“Ich brauche eine Genie” ist auch eine Plattform, auf der Betroffene ihre eigenen Geschichten erzählen. Hiefür gibt es den Button “Musikerinnen erzählen.” Denn, um ausnahmsweise mal für alle zu sprechen:

Egal, welche Musik wir machen, egal wie wir aussehen, egal ob wir erst seit heute, gestern oder schon länger mit unserer Musik around sind: wir haben alle viel zu oft erfahren, dass unser Talent nicht auf die selbe Art und Weise wertgeschätzt wird, wie das unserer männlichen Kollegen. Wir werden oft mit ganz anderen Adjektiven belegt. Schwarze und queere Musikerinnen haben mit noch mehr Vorurteilen und struktureller Benachteiligung zu kämpfen.

Unsere Texte bleiben trotzdem optimistisch und poetisch, humorvoll und hellsichtig, sarkastisch und schwärmerisch. Unsere Wunderwaffen sind dieselben schönen, die auch unsere männlichen Kritiker-Kollegen benutzen: Fachwissen und Fantum. Ein ganz normaler Musikblog also; mit Analysen und Herzblut, mit Hörbeispielen und Interviews, mit Nachtspaziergängen und Tagträumereien. Es gibt neue und alte Musik zu entdecken. Da wir seit unserer Jugend als Musikjournalistinnen arbeiten, können wir Texte aus den 1990er, den nuller und den zehner Jahren anbieten. Die Texte der 1990er Jahre entspringen ausschließlich der Zeitschrift SPEX bzw. unseren damaligen Anthologiebeiträgen in Büchern. Es war immer schon intersektioneller Feminismus (oder auch: Race/Class/Gender-Diskurs).

Und keine Angst: wir wissen, mit Helma Lutz, dass “Befreiungsidentitäten auch ganz schnell Unterdrückungsidentitäten werden können” und versuchen, es zu vermeiden, Leute auf Geschlecht zu reduzieren 🙂 Wenn es eines Tages normal wird, dass Musikerinnen einen guten Platz in der Gegenwart und Geschichte finden, dann nehmen wir das Ding hier sofort wieder aus dem Netz. Oder lassen es als skurilles Dokument der Steinzeit  online. Und konzentrieren uns dann nur noch auf das, was wir eh am liebsten machen: Musik.

Aber bis dahin lassen wir uns nicht einreden, dass es in der Popmusik nur um Musik geht. Nein, es geht genauso auch um Identität und Lebensstil und Geschlecht. Um Macht und Privileg. Gegen ersteres haben wir nichts einzuwenden,  wir fordern nicht unbedingt  geschlechtsneutrale Musik. Wir wollen nur, dass als Frauen Gelesene genauso viel auf Festivals gebucht und im Radio gespielt werden und genauso große Features in Musikzeitschriften bekommen wie ihre männlichen Kollegen.

Wir wollen Antwortsongs schreiben und Fragen als erstes stellen. Wir wollen High Heels tragen und trotzdem als Gitarrenvirtuosinnen wahrgenommen werden. Wir können Riot Girls sein und  Liebeslieder schreiben. Wir können queer sein und Hip Hop machen, laut sein und trotzdem leise Töne anschlagen….Wir sind MENSCHEN, die Musik machen und zufällig dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden.  Wir können KÖNNEN.  Der neoliberalen Welt ein paar waghalsige,  extraordinäre Melodien um die Ohren hauen!

Pop und Politik, das heißt für uns: es darf gestritten werden, auch über Geschmack.

Poetisch und polemisch. Britisch und kritisch. Bitte nicht allzu deutsch, darauf sind wir allergisch, auch wenn wir für deutschsprachige Songtexte alles stehen und liegen lassen. Wir brauchen übrigens nicht nur eine, sondern zwei, drei, viele Genies, die mit einem Augenzwinkern den Geniekult zurückweisen, sich aber nicht ständig darauf reduzieren lassen, geniale Dilettanten zu sein.

Lange Rede, kurzer Sinn: mit Popmusik meinen wir also gar nicht Popmusik, mit Genie nicht Genie, und mit Frauen nicht Frauen. 🙂

It`s an art thing, aber ihr versteht schon: Alles in allem eben doch dieses Subjekt, das unter dem Titel “Frauen im Pop” im Handel ist….

P.S. Und da die Welt nicht nur aus Mädchen und Musik besteht, notieren wir in der Rubrik “Achtsamkeit und Alltag” einfach so unsere Sinneseindrücke, Gedanken, Aphorismen, whatever…. Wir sind ja nicht die Mimesis von jedem Jammerheini.

❤ Wir wünschen euch ganz allgemein viel Spaß beim Lesen, ❤

Eure Kerstin und Sandra

 

Doctorellas “Vielleicht ist heute der Tag” (aus dem Album “Ich will alles von dir wissen”, 2016, Bohemian Strawberry / ZickZack)

 

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