Videopremiere zum Jolly-Goods-Song „Desintegration“

Desintegration mit den Jolly Goods

von Sandra und Kerstin Grether

„Für alle, die lieber im psychedelisch-queeren Space ihr Ding machen“

Was gibt es Schöneres, wenn die Temperaturen unter 10 Grad gehen, als sich mit einem neuen Jolly Goods Video in Welten zu beamen, die hinter all dem Weihnachtsglitzer und Normalofröstelalltagsnebel liegen, und dabei doch auf eine Weise schimmern und andächtig sind, dass eine*r weinen möchte, vor Freude über diese Bilderpracht! Bevor wir euch gleich mehr dazu erzählen (including Kurzinterview mit der Band), hier erstmal viel Spaß mit der Video-Premiere. Aber Achtung! Es ist eines dieser seltenen Musikvideos, nach denen eine*r süchtig werden kann, wir konnten uns gerade noch beherrschen, es nicht auch noch ein elftes Mal zu schauen . . . 🌈🌟🌈🌟🌈🌟

Das geniale Sisters-Duo Jolly Goods hat Anfang des Jahres (auf Siluh Records) – mit dem dritten Album „Slowlife“ – nicht nur ein Weltklasse-Dreampop-mit Ecken-und-Kanten- Album veröffentlicht, über Sinn und Schönheit von Entschleunigung, es hat dazu auch bisher zwei tolle Videos rausgebracht, die den Bandkosmos wirklich rüberbringen. Und uns in eine entschleunigte  Utopiewelt der guten Plätze entführen. Desintegration- das dritte Video  schließt nun den Kreis. Sänger*in und Songwriter*in Tanno Pippi, die das Video auch gemacht hat,  nennt es den Abschluss einer „Video-Trilogie.“

Über allem Schweben: was für ein schönes Gefühl! Und wer genau hinschaut wird sich auch an den in-sich-gekehrten, tag- träumenden, entspannten oder freundlich-abweisenden Gesichtsaudrücken der Musikerinnen erfreuen. Diese euphorische Lässigkeit  steht in einem tollen Gegensatz zu den bunten Fabelwelten, die hier auftauchen und anvisiert und umarmt werden.

Im Infotext steht:

„Don`t take a deep breath, just stay stressed!“ heißt es im enthusiastischen Refrain von „Desintegration.“ Es geht um den „von Leistungsdruck und Selbstoptimierung geprägten Alltag. Das Video zu „Desintegration“ bebildert die Utopie einer entschleunigten Gesellschaft mit einer ganzen Reihe imaginierter Räume zu Wasser, zu Land, innen und außen, für Menschen und Katzen und überhaupt alle, die lieber im psychedelisch-queeren Space ihr Ding machen, als unerreichbaren  neoliberalen Idealen hinterherzuhetzen. Die Jolly Goods möchten, dass es „da draußen einen wertfreien Ort gibt“, wenn sie singen: „There are other planets that we can breathe on / where aliens live that don`t stare at you.“

 Foto made by Marcella Glammore

IchBraucheEineGenie: „Wir sind sehr beeindruckt, auch von der Machweise dieses spielerisch-psychedelischen Videos. Ihr habt es, genau wie die beiden anderen Videos zum Album, selbst gedreht und geschnitten.  Kannst du uns verraten, wie du da vorgegangen bist? Uns interessieren auch technische Facts.

Tanno Pippi: Wir haben das Video mit einem Greenscreen in meiner Wohnung gedreht. Zu zweit mit einer Kamera, die entweder auf einem Stativ, oder in der Hand der anderen Person ist. So wie bei den anderen beiden Videos zum Album auch. So macht es am meisten Spaß! Das „The Misanthrope Years“  Video mit einer 360 Grad Kamera im Treptower Park. Und „Eating Fries“ mit einer Trash Kamera, dafür mit ganz viel Strobo, in Angys Badezimmer.

IchBraucheEineGenie: Greenscreen, ein Verfahren der farbbasierten Bildfreistellung, was für eine tolle Sache! Danke für die spannenden Infos, wir haben uns jetzt tatsächlich mal ein Tutorial angeschaut. Greenscreen ermöglicht ja wirklich eine wunderbare Ästhetik. Man kann sich selbst in eine imaginierte Umgebung hinein setzen. Passt auch voll gut, zum utopisch-realistischen Spirit des Liedes.  Auch ein guter Tipp, falls andere Musikerinnen das lesen… 🙂 Wobei es natürlich bemerkenswert ist, dass du das so professionell umsetzen kannst. Auf deiner neuen Tanno Pippi – Webseite  zeigst du deine multi-medialen Fähigkeiten: „tanno pippi is an interdisciplinary artist working in photography, music, video and performance.“ Nun noch eine Frage zum Titel des Songs. Ist er von dem Buch „Desintegriert euch“ von Max Czollek beeinflusst?
Tanno Pippi: Das Buch von Max Czollek habe ich nicht gelesen. Bei „Desintegration“ geht es mir darum, eine Integration in die deutsche Normalokultur zu verneinen. Auch wenn Deutschland ein eher fortschrittliches Land ist, ist es von Patriarchat, Rassismus, Klassismus, Kapitalismus etc. geprägt –  und weniger von Queerness, Solidarität und einem guten Leben für alle. Mit „Other Planets“ sind nicht Planeten im physikalischen Sinn gemeint, sondern Räume abseits der Normalokultur, die auch „Erholungscamps für Feminist_Innen“ oder eben Aliens genannt werden könnten. Ich fühle mich oft wie ein Alien, je nachdem in welchen Räumen ich mich gerade befinde. 
IchBraucheEineGenie: So wie du das schilderst, scheint uns deine Idee von „Desintegration“ gar nicht so weit von dem entfernt zu sein, was der Lyriker, Essayist und Politikwissenschaftler Max Czollek darunter versteht: In einer desintegrierten Gesellschaft gäbe es keine Mehrheit mehr, die das Recht hat, von „ihren“Minderheiten Integration zu fordern. Euer Song bestätigt auch seine These von der pluralen Vielfalt, die es ja bereits gibt. Schön jedenfalls, dass ihr auf queerem Wege auf die Idee der Desintegration gekommen seid! Und jetzt noch eine letzte Frage: Neben euch gibt es noch zwei weitere Stars im Video. Those wonderful cats.  Sind das deine?
Tanno Pippi: Ja, es sind meine beiden Katzen. Rudi und Theodor! Die Stars des Videos.

Zum Weiterlesen auf diesem Blog:

Märchenhafte Misanthropie! Neues Jolly Goods Video: The Misanthrope Years!