Oberhausener Kurzfilmtage, zum Dritten: Katalogtext

Von Kerstin

Die 65. internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sind nun auch schon wieder ein paar Tage vorbei. Und ich poste deshalb jetzt den GANZEN Katalogtext, den ich zum internationalen MUVI-Wettbewerb geschrieben habe:

Die Videos des diesjährigen Festivals sind sehr unterschiedlich: mal Performance-Video (z.B. Chaka Khans „Like Sugar); mal märchenhaft-düster und Zeichentrick-intensiv (ICE3Peaks „Fairytale) oder brillierend mit selbstausgedachten Comicfiguren ( „We’ll Take It” von Oneohtrix Point Never). Mal bezaubernd-trashig (wie der in Regenbogenfarben gehaltene Clip des US-amerikanischen Regisseurs Nick DenBoer für den Musikproducer deadmau5 feat Lights und seinen elektronisch-poppigen Track “Drama Free” ). Und mit Vorliebe auch authentisch-real, sprich: mit viel politischer Attitude und Wucht, wie das punkige, an Spoken-Word-Traditionen erinnernde “This is England” der Sängerin Farai – genial inszeniert vom Videomaker TONE. Oder auch episch Geschichten-erzählend wie im Video zu Peau de Chagrins “Bleu de Nuit.”

Aber es gibt dennoch einen roten Faden: Die Videos sind sich einer klaren Aussage bewusst. Sie stehen für ihre Ideen ein, zeigen verstörte Gesichter, aber auch empowerte Körper in Nahaufnahmen und kritisieren oft rassistische und sexistische Strukturen innerhalb der Gesellschaft. Es gibt jetzt auch weibliche Regisseure in diesem nach wie vor extrem von männlichen Regisseuren dominierten Genre des Musikvideos.

Viele PoC-Artists, die sich mitunter auf die historische Black Power Bewegung und das gegenwärtige Black Lives Matter Movement beziehen, sind dabei. Am eindrucksvollsten in dem Video des Rappers Pink Siifu, das mittels weihevollen, fast schon versöhnlichem, Gospel-Gesang Demonstrationssprüche inszeniert, wie z.B „Protect Black Bodies“ – zwischen Bildern von schönen Pflanzen und wütenden Rappern. Mit politischer Message aufgeladen ist nicht nur das eingangs erwähnte Video der aus Simbabwe stammenden und in England lebenden Ferai, das durch seine karge Hinterhof-Atmosphäre und das Ausstellen ihres ausdruckstarkens, wütenden Gesichts lebt,mitsamt dazugehöriger Songstatements, die von Ausgrenzung und Armut handeln: sondern auch Sophies Video zum Track „Faceshopping“, das zu schneidenden Electro-Klängen ein Frauengesicht zeigt, das auf gruselige Weise immer wieder neu kosmetisch verändert wird. „I`m real when i shop my face.“Wobei ich an das Zitat der feministischen Autorin Laurie Penny denken muss, wonach Frauen sich ihr „Frau-Sein“ erst kaufen müssen. Irritierende Bilder von einem/mehreren Frauengesichtern sind auch im Video der amerikanischen Klangkünstlerin Holly Herndon zu sehen: Variationen von Gesichtern, die immer tierhafter werden; immer weiter weg von kosmetischer Schönheit gehen. Und die sich so lange überlappen bis man das Gefühl hat, dass diese Gesichter eine*n in dem eigenen Bedürfnis nach Norm-Schönheit auslachen.

All diesen Unwägbarkeiten der kapitalistischen Verwertungslogik setzen diese spannend ausgewählten Videos gerade keine traditionelle Video-Ästhetik entgegen. Sie bestechen vielmehr dadurch, Alltag so präzise und radikal wie möglich darzustellen. Am konsequentesten auf die Spitze getrieben von den französischen Rappern von OrelSan: zwischen TV-Porno-Kanal und eigenen Social Media Channels inszenieren sie eine Unterhaltung, die trashig ist, mit authentischen Verbindungen, aber eins nie sein wollen: seriöses Musikvideo.

Ein Programm, das Spaß macht, auch wenn viele der Szenen dazu angetan sind, Schmerz zu vermitteln. Oder auch sinnloses Glück. In Zeiten, in denen viele Artists ihre Videos alleine auf dem Smartphone drehen können, haben sich auch die aufwendigeren Clips, wie die hier gezeigten, diesem Trend verschrieben. Selbst wenn sie mit einer richtigen Kamera gedreht sind und mit teuren Effekten arbeiten, wirken sie noch so, als wollten sie die herkömmlichen Musikvideos mit ihren ausgedachten Stories und ihrem Luxus-Touch persiflieren. Eine Tendenz, die von den Kurator*innen des Festivals ausdrücklich gewollt zu sein scheint.

Da möchte man unter regenbogenfarbenen Zuckerstangenkraken spazieren gehen oder in Flamingo-Booten schaukeln, und dann mal schauen, wie viel Deepness sich so einer Situation noch abluchsen lässt: Sehr bunt, sehr entschieden, sehr düster. Sehr Anti-Norm!

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