Ich auch #Metoo (also auch SlutWalk und so)

Kerstin, ca Mitte Oktober 18

“Ohne in den Übermut zu kommen ist es generell schwer zu kämpfen!”

Dies ist der erste Text in meinem Leben, der mit „Damals“ beginnt, und hoffentlich auch der Letzte. Aber einmal muss es sein 🙂

In dieser Woche ist also der „erste Jahrestag“ (die erste „Jahreswoche“) von #Metoo. SPON hat dafür mal „die Männer“ interviewt, ob das Ganze überhaupt was gebracht hat. Die meisten befragten Passanten finden es ganz okay und wichtig, einer spricht auch davon, dass er es ein bisschen hysterisch findet. Nun gut, einer. Das ist eigentlich ein klasse Schnitt.

Damals:

Als wir 2011 die Vorläufer Bewegung zu #Metoo gestartet haben, den berühmt-berüchtigten SlutWalk, da fanden die meisten Männer das Thema und alles, was wir dazu erläutert haben, noch total hysterisch. Da war vielleicht einer von zehn, der sich wohlmeinend dazu herabließ, sich unsere Thesem mal durch den Kopf gehen zu lassen. So nach dem Motto, was macht ihr da? Gegen die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt und gegen Machtmißbrauch in den Strukturen demonstrieren? Hä, welche Strukturen? Total abgefahren fanden sie das alle. Haben wir keine anderen Sorgen?Was wir uns alles anhören mussten! Steuergelder verschwenden für Demonstration und „ihr wollt doch einfach nur mal nackt durch die Straßen laufen“ waren noch die netteren, harmloseren Kommentare. Im TIP stand damals, die Grethers wollen doch nur, dass ihnen auf der Straße auch mal einer hinterherpfeifft. (Sic! Im Subtext wollten sie uns wohl auch noch aussehensmäßig einen reinwürgen. Wie man das halt so macht, wenn man Feministinnen loswerden will.) Dafür landete der SlutWalk und wir auf Platz 6 der „Peinlichsten Berliner des Jahres 2011“. Ihr versteht schon: SEX, haha. Unser Trost war, dass die wichtige „Occupy“- Bewegung auch in der Liste war. (Platz 5).  Nun gut. Wir wollen nicht nachtragend sein. Es ist ja nur ein Beispiel, dafür wie der Mainstream gedacht hat. Heute durften wir über #Metoo Fragen für Zitty beantworten.

Wir können also schon an unserem kleinen Beispiel erkennen:

Es hat sich tatsächlich auf diesem Planeten der voller Ungerechtigkeit ist, in diesem patriarchal- kapitalistischen System der gesellschaftlichen Leugnung von Sexismus allüberall, etwas ZUM BESSEREN verändert. Diese auch damals schon weltweit, auf die jeweiligen Bedingungen vor Ort rekurrierende SlutWalk-Bewegung – meist initiiert von Studierenden in ihren 20ern (oder auch mal von Musikerinnen in ihren 30ern 🙂 ), hat damals das Bewusstsein verändern wollen für die Mythen, denen Frauen, Queers, trans*Frauen ausgesetzt sind, die Vergewaltigungen vor Gericht anzeigen. Das klang in vielen Ohren sooo abstrakt.

Und eins halt noch: für den politischen Kampf wird man nicht bezahlt, es sind mehrere tausend Stunden unbezahlte Arbeit über Jahre hinweg. Man vermietet z.B. ein Zimmer in seiner Wohnung, weil man in der Zeit kein Geld verdienen kann und weiß das Privileg zu schätzen, eins zum Vermieten zu haben.  (Besser natürlich man denkt in solchen Momenten nicht an Urlaub oder  die Rente oder sonstigen Luxus. Oder an die roten Wildlederstiefel in der Edelboutique, die so gut gepasst haben.)  Und dafür, dass man vom amerikanischen, kanadischen und polnischen Fernsehen interviewt wird, kann man sich auch nichts kaufen. Aber Selbstrespekt (und Respekt vor den Betroffenen sexualisierter Gewalt ) ist ja sowieso unbezahlbar. Respekt natürlich auch vor den eigenen sogenannten #Metoo-Erfahrungen.

„Mein kurzer Rock hat nichts zu tun mit dir“ war immer mein “SlutWalk-Lieblingsspruch” und auch „Welchen Teil von Nein hast du nicht verstanden?“ Geil fand ich auch „Ja, ich wills, aber nicht von dir“, in den frühen zehner Jahren wurde ja in der deutschen Öffentlichkeit fast flächendeckend noch bestritten, dass es überhaupt soetwas wie „Sexismus“ heute noch gibt? Ha, ha!! Ich erinnere mich an eine Anne-Will-Talkshow, die tatsächlich zum Thema hatte, ob es am Ende doch noch Sexismus gibt. Das würde heute wahrscheinlich keiner mehr bestreiten! Dass Frauen sogar für den selben Job etwa 23 % weniger Lohn kriegen – und dann auch noch dauernd Gefahr laufen von Vorgesetzten sexuell belästigt und damit im ihre Schranken gewiesen zu werden – ist jetzt Allgemeinwissen, das weiß jetzt jede*r. Danke #Metoo. Danke SlutWalk. Danke meinetwegen auch #Aufschrei und all den vielen Kämpferinnen all die Jahrzehnte davor! Dass “Aufschrei-Anne-Wizorek” jahrelang in der Öffentlichkeit so aufgetreten ist, als wäre sie die erste und einzige, die mit ihrem „Aufschrei“ „die Frauen zum Reden über sexualisierte Gewalt gebracht hat“ – darüber haben wir jetzt das halbe Jahrzehnt geschwiegen. Und das kann man bei der Gelegenheit auch mal sagen: Wie wir uns gefühlt haben, als sie, mit der wir zusammen die SlutWalk Begweung ins Leben gerufen haben, und wo wir uns damals geschworen haben, dass keine von uns ausscheren wird und sich “Alice Schwarzer-mäßig” als DIE Einzelanführerin aufführen wird; das dann tatsächlich getan hat!  Diese Angst hatte Anne nämlich uns gegenüber gehabt, wir könnten uns aufgrund unserer Bekanntheit jetzt wahnsinnig in den Vordergrund spielen und die anderen Leute aus dem Orgateam wegpusten und so.  In Wahrheit war es dann so, dass wir unter Pseudonym aufwendige Interviews gegeben haben, um uns bloß nicht an dem Thema zu bereichern. Wir haben uns knallige Namen wie Warhol Superstars ausgedacht und die TAZ an der Nase herumgeführt 🙂

Ganz ehrlich, der Kampf gegen sexualisierte Gewalt hat auch ein bisschen Spaß gemacht! Ohne in den Übermut zu kommen ist es generell schwer zu kämpfen. Unsere eigene Talk-Show-Einladung zu Anne Will haben wir geflissentlich übersehen. Das war das Geilste! Wer will schon ins Fernsehen, die Worte im Mund rumgedreht bekommen und tausend Drohungen kriegen von den Arschlöchern. Das Leben als Graswurzel und Künstlerin ist doch viel geiler! Was wir also gefühlt haben, als ausgerechnet Anne Wizorek dann in dieser Günther Jauch Show saß und auf die Frage „ob sie das alles alleine gemacht hat“, ohne mit der Wimper zu zucken, geradezu strahlend, gesagt hat: „Ja, das habe ich alles alleine gemacht,” wollt ihr trotzdem nicht wissen 🙂

So viel zum Thema Widerstand der Vielen. Trotzdem haben wir Anne in dieser Sekunde, Anfang 2013, nicht kritisiert, weil eine Person, die ein so wichtiges Thema in die Öffentlichkeit trägt, nicht unglaubwürdig gemacht werden darf von ihren ehemaligen Mitstreiterinnen. Alles für das Thema. Für die vielen, vielen, vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt.  Wenn wir da jetzt auch noch angefangen hätte uns darüber zu streiten, wer das Thema sexualisierte Gewalt mit den neuen Begriffen als erstes in die Öffentlichkeit gebracht hat…. nee, echt nicht.) Es ist so ein altes Thema und es hängt so viel Blut dran und so viel Leid und Schmerz und es haben schon so viele Menschen, vor uns, dann eben mit anderen Mitteln oder anderen Worten und anderen Medien, dagegen gekämpft. Frauenhäuser aufgebaut, an Hotlines gesessen, kostenlose Beratungen gegeben, getröstet, gekämpft und gestritten, Texte dazu verfasst.

Und Mitte 2016  wurde endlich der schlimme §177 („Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung“) geändert.  Damals, 2011, haben wir das auswendig gelernt („ah, was mit 77, sowas wie Punk, als uns Journalisten von CNN gefragt haben, ob wir auch eine „politische Forderung“ hätten oder nur „halbnackt durch die Straßen laufen wollen“. ) Hatten wir! Dieser Paragraph mit irgendwas mit 77, wo drin steht, dass ein „Nein“ nicht genügt, im deutschen Strafrecht, dass nämlich die Betroffene von sexualisierter Gewalt sich aktiv und erkennbar zur Wehr setzen muss oder irgendso ein Scheiß, der muss geändert werden, sagten wir, wenn die zahlreichen Journalist*innen, denen wir uns (dann doch) mit Klarnamen und ohne Sonnenbrille stellten, mal wieder fragten, ob wir nicht auch was Konkretes im Angebot hätten. Halbnacktheit in politischen Medien will gerechtfertigt werden. Sie spielten mit uns – und wir spielten mit ihnen!

Auch das war ein Privileg. Sandra und ich waren psychisch gefestigt genug um dieses Spiel spielen zu können. Und wir kannten uns mit Anti-Mobbing-Strategien aus.  “Punk” ist ja auch nicht gerade ein schönes Wort: Müll. Natürlich haben wir dann auch die Kritik aus den eigenen Reihen am SlutWalk generell verstanden, und das ganze Ding in Berlin wieder aufgelöst. Was mindestens genauso schwierig war wie es aufzubauen.  In dem Gefühl SlutWalk war Punk und Aufschrei ist New Wave. Aber ohne Punk und Fehler kein New Wave. Und was ist #MeToo? MeToo ist Pop oder Soul or whatever. Oder ganz was anderes: ein Hollywood-Film, der die Welt verändert hat.

Subkultur-Geschichte kann man halt nicht fälschen. Aber klar, man kann es ja mal versuchen, es ist auch nichts Neues, dass auch das andauernd passiert. Und dass die Klügeren dann nachgeben: eh klar! Vielleicht auch, weil die Avantgarde dann meist schon wieder woanders ist.

Auf dem Weg zum ersten SlutWalk-Treffen in einem linken “Raum” in Kreuzberg (es war im Frühjahr 2011) hat sich ein ganz großer mittelalter weißer Mann in der U-Bahn, als die eine scharfe Bremsung machte, einfach auf mich drauffallen lassen. Als ich ihn anschrie, was das soll (er war 2 Köpfe größer und viel schwerer als ich ) meinte er völlig naiv tuend, lächelnd: ich wollte, dass sie mich auffangen! Heute könnte ich ihn anzeigen. Und vor Gericht würde mir vermutlich geglaubt.

Es ist der Schrecken schlechthin: Dass es jeder jederzeit passieren kann! (Auch der Aktivistin auf dem Weg zum Orga-Treffen.) Zuerst mussten wir uns mal alle erkennbar zur Wehr setzen um den Paragraphen hierzulande zu ändern und diese Scheiß-Welt zu ändern. Dann kam #Metoo. Den Begriff prägte 2006 die schwarze Aktivistin Tarana Burke. Dann erst kam Hollywood, #Meetoo und #Time`s Up. Zum Glück.

Denn, um es mal in den Worten der legendären Reality-TV-Osbournes zu sagen: “The nightmare continues!” Aber auch der Kampf dagegen!

P.S. Und wem der Optimismus in diesem spätsommerlichen Gute-Laune-Text hier zu optimistisch ist, der kann hier weiterlesen. Bei einem exzellenten Text von der sowieso lesenswerten Elsa Koester. Denn natürlich ist der Backlash gegen #Metoo, SlutWalk und alle Bewegungen, die sich gegen sexualisierte Gewalt richten, schon im vollsten Gange. Aber wir zelebrieren das trotzdem hart, dass die ganze Welt über das Thema spricht, über das Frauen, Queers, trans*Frauen bisher nur mit ihren Freundinnen und Arbeitskolleginnen geflüstert haben.

P. P.S. Und noch ein „Damals hinterm Mond“, ein literarisches:

Als Kerstin 2014 mit “An einem Tag für rote Schuhe” den ersten #Metoo-Roman in deutscher Sprache veröffentlichte (Ventil Verlag),  der in der Popwelt spielt, gab es die Bewegung noch nicht. Die Begriffe, wie Slutshaming, Rape Culture und Victim Blaming, kamen, wie gesagt, aus der von uns mit-initiierten SlutWalk Bewegung von 2011,  dem Vorläufer von #MeToo. Für die breitere Öffentlichkeit waren diese Begriffe und das dahinter stehende Denken, das sich gegen die “Opfer-Täter”-Umkehr wendete, völlig neu. Es war undenkbar, dass ein großer Verlag dieses Buch drucken würde, selbst wenn viele Verleger es stilistisch brillant fanden. Aber doch nicht dieses Thema, noch dazu aus der Pop-Perspektive!! Jetzt ist dieses Thema das Thema des Jahrzehnts! Und es kam aus der Unterhaltungsindustrie.

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