Mein allerschönstes Dorf

von Kerstin

Freitag, 29. Juni

Zu Beginn dieses Textes muss ich ausnahmsweise 🙂 mal mich selber aus dem Doctorella-Song „Träum den übernächsten Traum“ zitieren, denn das soll ein Text über das Aufwachsen auf dem Dorf werden, dem wirklich kleinsten, unerreichbarsten, allerhinterletzten; dem schönen, strahlenden Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. In diesen herrlichen, prägenden Jahren von 3 bis 13:

„Früher wollt ich immer in die Stille schrein / Idylle hieß verzeihn / im Dorf aus Edelstein. / Trägst du Korsett? Ein Königsweg, ein Todesballet. / Ich legte mich an, und ich war am Ende: mein Schweigen sprach Bände“.

(Doctorella – Träum den übernächsten Traum, vom Album “Drogen & Psychologen” (ZickZack,2012)

Als Kind dachte ich immer, die Welt endet direkt hinter dem Wald, der oben am Hang unser Dorf begrenzt: ein tannengrüner Monsterhorizont.

Ja, eigentlich wollte ich heute ein bisschen was über mein verlängertes Wochenende im Haus meines Bruders, in einem schönen, katholischen, südwestdeutschen Fachwerkhaus-Dorf, schreiben. Das mache ich auch gleich.

Aber jetzt bin ich gerade in der taz über ein Interview mit der britisch-australischen Autorin, Wissenschaftlerin und feministischen Aktivistin Sarah Ahmed gestolpert. Gerade ist ihr achtes Buch erschienen: „Feministisch leben! Manifest für Spaßverderberinnen“ (Unrast, 2017)  – und ich finde es faszinierend, dass sie dieses scheußliche Klischee von der spaßverderbenden Feministin positiv besetzen will (z.B. in ihrem Blog „feministkilljoys“). Das ist ja so ungefähr das Letzte, was mir je einfallen würde: einfach mal dieses Falsche, Fiese, dieses Vorurteil anzunehmen – und damit zu spielen.

Seitdem ich denken kann, lautet doch hingegen das oberste Gebot: den Leuten in der Szene-Bar, in der Schule, im Beruf, bei Konzerten vorzuleben und zu zeigen, dass Feministinnen ganz, ganz viel Humor haben; dass sie sozusagen der INBEGRIFF VON SPAß sind, immergutdrauf, superhübsch, selbstbestimmt und sexy; und einfach nur vor allen anderen begriffen haben, dass auch Männer durch den Feminismus viel, viel glücklicher werden…siehe die Jungs in Norwegen, die, laut Umfragen, die emanzipiertesten und glücklichsten Männer der Welt sind. (Umfragen!)

Aber, stimmt schon: „Dass Feminismus Menschen glücklich macht, mag eine Konsequenz sein, aber es war nie der Punkt“. Und: „Okay, wenn das Infragestellen von Sexismus und Rassismus in der Welt, das Herausfordern von Normen und Machtverhältnissen dir den Spaß verdirbt, dann bin ich bereit, dir den Spaß zu verderben.“ Sagt, wie gesagt, Sarah Ahmed im Interview mit Katrin Gottschalk in der neuen taz. Das wäre natürlich auch punk! Einfach mal sagen: wir haben nichts dagegen, euch den Spaß zu verderben, sogar Bock drauf! Wie damals dieser Song von Blumfeld, wo Jochen Distelmeyer auch schon gegen eine imaginierte Spaßguerilla aufbegehrte: „Aber wenn alle Spielverderber zusammenstehn, kann Spaßtyrann nachhause geh´n.”

Die Spaßtyrannen: in unserer winzigen 90er-Jahre-Bubble waren das die Pop-Intellektuellen, die immer mehr Bock auf z.B. House-Musik und Djing hatten, als auf politisch korrekte Politik-Diskurse. Und vielleicht ist die Öffentlichkeit ja mittlerweile so gut über Feminismus informiert, dass so eine Selbstbezeichnung, so eine eigentlich ja degradierende Feminismus-Definition, wie Sarah Ahmed sie vorschlägt, wieder Sinn macht. Ich würde sie mir persönlich aber nicht verschreiben, weil ich sowieso schon viel zu vielen Leuten den Spaß verdorben habe 🙂 Und das muss ja nicht sein, als das dopamin-verwöhnte, im Wald aufgewachsene, ständig vor sich hin trällernde, rotbäckige Dorfkind mit dem unbändigen Bewegungsdrang, das ich mal war 🙂

Womit wir wieder bei der Reise in den Odenwald wären. Bevor wir mit 13 Jahren nach Heidelberg und mit 16 ½ nach Köln gezogen sind, haben meine Schwester und ich nämlich in einer furchtbar idyllischen, furchtbar zerrissenen, weißen, deutschstämmigen Vatermutterkinderfamilie auf dem Land gewohnt; es ist schwer den Unterschied eines Vogelkonzerts auf dem Land zu einem in der Stadt zu beschrieben. Die Vögel auf dem Land pfeifen so ausdauernd, so im Dialog, als ob sie wirklich davon ausgehen würden, dass ihr aufgeregtes Gezwitscher und Gepfeife jemand (oder vielleicht ein anderer Vogel) hört. In der Stadt pfeifen sie so, als würden sie es nur für sich selber tun, um nicht an Langeweile und Geräuschkulisse zu sterben. Das ist seltsam, denn in der Stadt hätten sie ja viel mehr potentielle Zuhörer*innen: aber es hört eben keine*r zu, weil man das Vogelgezwitscher nur ganz selten mal aus dem Alltagslärm herausdestillieren kann. In meinem Dorf ohne Namen hingegen konkurrieren die Vögel nur mit den Autos um die Wette: wer ist Ruhestörer*in Nr. 1? Die Vögel gewinnen immer, weil sie nie aufhören herumzusurren und herumzupfeifen: das Schweigen kriecht ansonsten aus jedem Grashalm, der gar nicht erst Grashalm werden durfte, weil er ja vorher schon wieder weg gemäht wurde – und jetzt als stoppeliges Stück Wiese voller Mini-Blumen vor meinen Füßen ruht. Die Männer reden über Politik und Fußball, wie überall, die Frauen machen Bilder – voneinander und im Selfie-Modus. Die Reden der Männer sind ungeschönter. Ohne Kaffee und Füller und Notizbuch geht bei mir schonmal gar nichts, wie überall sonst. Heute ist auf meinem Notizbuch ein Vogel mit Krone abgebildet. Ein Goldkehlchen?

Die Welt hier ist bestenfalls ein Song oder Track ohne Text, den man selber beschriften darf. Der Apfelbaum in unserem Garten ist kleiner geworden, die Äpfel auch. Noch saurer und grüner. Als ich heute aufgewacht bin, hatte ich eine eigene Rapzeile im Kopf „ich bin selbständig, meine Albträume sind elfbändig.“ Und wenn ich meinem Vater und meiner Mutter von all dem erzähle, kommt noch ein Band hinzu. Kaum bin ich ein paar Stunden hier, im Madonnenland, weiß ich auch wieder, warum ich Schriftstellerin und Musikerin und Journalistin geworden bin: das habe ich schon beschlossen, als ich noch hier gewohnt habe, auch wenn ich es so natürlich niemals hätte formulieren können: dass ich ein Handwerk brauche, um die Stille zu zerschlagen (Musik), eins um die Dämonen herauszufordern (Poetik) und eins, um den Menschen um mich herum und mir selber die Welt anders zu erklären, als die Rhein-Neckar-Zeitung und die irre gleichgeschalteten Moderator*innen auf SWR3 das können. Aber auch, um die Utopien, die daraus entstehen,zu umarmen (Journalismus)!

Oder kurz gesagt: das hier hat mich zur Tagträumerin gemacht. Was soll eine hier auch sonst tun, als den lieben langen Tag zu träumen. Allein wie toll es im Garten nach Blütenstaub riecht, hinzu kommen die Himbeer und Johannisbeer-Sträuche. Und ich bewundere meinen Bruder, gerade jetzt dafür, wie er mal wieder, in der Dorfschenke, links-humanistische Postionen vertritt, was gerade jetzt, wo die Flüchtlingshetze kein Ende nimmt, in seiner stoischen Gelassenheit schon fast etwas Buddhistisches hat. Sie mögen ihn trotzdem hier, er gehört absolut dazu. Sein linker Einwand auch. Es ist noch kein rechtes oder rechtsradikales Dorf, auch wenn ich das aus tausend Gründen nicht wirklich beurteilen kann. Leben und Leben lassen und Konsum, Konsum, Konsum scheint mir hier die oberste Devise zu sein. Das schlägt natürlich schnellstens um in „Bloß nichts abgeben.“ Die drei kleinen Jungs, die mir auf der Straße begegnen, hören etwas Trappiges auf Lautstärke: Autotune-Rap zerreisst die nachmittagswarme Landlandschaft. Mein Neffe hört auch Cloudrap, wie er es selber nennt. Ich hab mich nicht getraut, ihn zu fragen, ob er Haiyti kennt. Wer will schon eine Tante haben, die Haiyti hört? Gemein, denn alle anderen hören hier immer noch „Words“ von F.R. David (im Radio). Oder Pink Floyd (“The Wall” – kein Scheiß, echt wahr!).  Rap gedeiht in einem katholischen Dorf im Odenwald genauso gut wie überall sonst: was soll man denn hier auch sonst hören, wenn man jung ist und noch nicht alle Tassen im Schrank und noch wilde Träume vom Leben hat, das gefälligst ein ausschweifendes zu werden hat. Passt ja auch so herrisch gut zum sprichwörtlichen Konsumterror, Marke: „Meine Frau hat eine neue Küche für 30.000 Euro gekriegt”. Auch die Klamottenläden sind verdammt gut sortiert, gerade weil es keine H&Ms und New Yorkers gibt, wirkt jedes der blumenbestückten Jeans-Hotpants wie ein wertvolles Designer-Einzelteil.

Wer noch hier ist gehört dazu und wird auf der Straße gegrüßt. All ages, all levels. Die Mischung aus selbstverständlichem Wohlstand und dörflicher Verlassenheit: könnte man diese hübsche Häuschen mit den unwahrscheinlich gepflegten Riesenvorgärten nicht einfach auf einen Transporter laden und am Berliner Stadtrand wieder aufstellen? Dann würde ich da vielleicht auch mal wohnen. Tatsächlich kommt auf SWR im Fernsehen jetzt eine Sendung mit einer Bäuerin, im Kuhstall. No Bäuerin-Shaming, please, sage ich mir. Die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet über das Comeback von Paul Mc Cartney (auf der ersten Seite) und den Geburtstag von Ingeborg Bachmann (25. Juni 1926), ebenfalls auf der ersten Seite: wow! Die Bachmann war nur in südlichen Gefilden glücklich, von Wien, München, Zürich nach Rom und zurück, mit Allergie, auf alles, was irgendwie nordisch oder preußisch war. Die Allergie auf alles, was vermeintlich kühl oder ohne hysterisches Potential daherkommt und allzu pragmatisch auftrumpft- die Hochdeutsch-Allergie: Luv Bachmann! Ingeborg Bachmann hat Berlin gehasst, die Glückliche, auch wenn es ein anderes Berlin war als heute und auch wenn sie es so DRASTISCH natürlich nie formuliert hätte. Aber ich habe es herausgelesen aus dem, was sie über Berlin, die Stadt ihres  Krankenhausaufenthalts, schrieb. Als Dank dafür wird sie in der Rhein-Neckar-Zeitung geehrt, jedes Jahr wieder neu. Gerecht ist die Welt! Der SWR3 verkündet, als wir die kurvigen Straßen zur mittelalterlichen Stadtmitte hoch brausen: „Die Rolling Stones kommen nach Baden-Württemberg!!!”  Ja, kommen die denn nicht eh aus Baden- Württemberg? Hier könnten sie gut ihren Alterssitz haben, aber wahrscheinlich ist hier jeder mittlerweile ein Rolling Stone. Im Straßenbild würden sie gar nicht mehr auffallen.

„I would rather not go, back to the old house, because there are too many bad memories there“, diese Zeile von einem alten Smiths-Song im Hinterkopf: Hallo altes Haus, das gar kein altes mehr ist, sondern ein neu renoviertes, und auch mir nicht mehr mitgehört; was mich nicht weiter stört, denn die schlechten Erinnerungen sind alle schon mitgedacht und verarbeitet, und ausgestellt und in Kunst und Leben eingegangen – und was bleibt, sind die guten Erinnerungen und die gute Gegenwart. Ja, so ist das: „Du lernst von der Welt durch deinen Versuch sie zu verändern“, um nun zum dritten Mal Sarah Ahmed zu zitieren. Na, jedenfalls, man muss schon ziemlich mit sich selbst im Reinen sein (so zerrissen, abgründig und wild dieses Reine auch sein mag), um ein 4-Tage-Wochenende in seinem alten Kinderzimmer, und mit allen Mitgliedern der Familie in den sonstigen Räumen, zu genießen. Man muss es einfach so nehmen, wie es kommt. Sich zum Medium machen für die Reden der anderen.

Dann fahren wir noch in den nahegelegenen Wallfahrtsort, wo vor 800 Jahren, oder so, ein angebliches Wunder stattgefunden hat. Noch immer pilgert eine Gruppe von hundert Gläubigen einmal im Jahr in diesen Wallfahrtsort, von Köln aus, um hier „in die heilige Messe“ zu gehen. Das machen wir auch, bleiben aber nur zehn Minuten, denn man will ja nicht zum Tourist werden, in seiner eigenen Kindheit. „Ist hier heut kirch?“ fragt mich eine Frau im Herausgehen. “Ja,” sage ich beflissen. Was für eine Spitzenfrage: Ist denn hier nicht immer kirch? Die Kerzen sehen toll aus, ich kaufe natürlich die schwarze mit den elf Jüngern drauf; die sieht so gruftig aus und heißt „Gewitterkerze“. Den Cappuccino im „Gasthof zur Linde“ kann ich wirklich nicht trinken, er schmeckt nach ranzigem Kuhmilch-Nichts, und den Kaugummiautomaten vor dem Haus meiner Tante gibt es nicht mehr. Allein, das ein Grund wegzuziehen. Sie können keinen Cappuccino machen. Ich wäre hier todunglücklich, obwohl so vieles so wunderschön aussieht. Was bleibt, ist ein Fußballspiel, in dem Deutschland in allerletzter Minute noch ein Tor schießt, was mein Bruder schon in der allerersten Minute prophezeit hat. Mit Fußball kennt er sich aus, ich hab sogar ein paar Regeln verstanden.

Ich gehe um Mitternacht ins Bett, stehe um acht Uhr auf, ein Kunststück, das mir in Berlin einfach nicht gelingen mag, setze wieder die Kopfhörer auf mit Lena Stöhrfaktor im MP3-Player. Ich bestelle eine Kugel Vanille-Eis für 60 Cent, in der einzigen Eisdiele, und es schmeckt wie Vanille-Eis in der Kindheit. Weil Kinderschokolade schon immer meine Lieblingsschokolade war, kaufe ich noch ein Überraschungsei dazu. Das Ei ist rosa verpackt und es ist ein lilafarbener Zauberer drin. Und ich denke daran, dass sie hier sagen, „wenn du selbstständig bist, darfst du kein Mitgefühl mehr haben.“ Und vor der Helene Fischer haben sie Respekt, das ist eine Frau, die Kohle macht. Der Stöhrfaktor-Song auf meinem MP3-Player fasst mal schnell zusammen, was man den Kindern hier und überall sonst erzählt, damit auch sie bald die 20.000-Euro-Autos kaufen können.

„Guck nicht, was die andern machen, Karriere macht jeder für sich alleine, mach ganz schnell deine Scheine. Beleg so viel Kurse wie möglich, streng dich an für ein Stipendium, dann hast du Stütze nicht nötig.Wenn du neben den drei Jobs, die du machst, noch ein Ehrenamt machst, auf das du eigentlich kackst, passt es dennoch gut aufs Blatt.“

Die Kirche im Dorf läutet immer noch zu jeder Viertelstunde. Auch ohne Uhr und ohne Handy weiß man immer ungefähr, in welchem Stundenabschnitt man sich befindet. Auf diese Weise kann man gar nicht verloren gehen. Etwas in mir löst sich auf, vielleicht das Gewitter in meinem Kopf und ich bedanke mich für die Gewitterkerze und ich bin wieder ein glückliches Mädchen, das lalala durch die Straßen hüpft und – mit Lena – ironisch singt: „Ja, zeig allen, dass du´s packst und dass du es einfach drauf hast, indem du ein langweiliges Leben führst, aber einen tadellosen Lebenslauf hast.“ Und wenn ich schweige, dann zwitschern die Vögel an meiner Stelle weiter. „Man muss dem Ball strukturiert hinterherrennen und das geil finden“ weiß ein Sportreporter heute in der taz. Linke Zeitungen gibt es nicht in den Buchläden im Dorf oder Supermarkt-Kiosk. Dafür gibt es die Bäckerei Retz immer noch.

Es war richtig wegzufahren, letzte Woche. Ich finde den Weg zu meinem früheren Kindergarten jetzt im Schlaf. Sarah Ahmed beschreibt die sexistische und rassistische Struktur auch als eine Wand, gegen die man läuft: „Und das Harte daran ist, dass man sie nicht sehen kann, wenn man sie nicht selbst gespürt hat.“ Die Wand ist überall. Da, wo ich herkam, gibt es wenigstens noch einen Wald dazu, der das Gefühl spürbar macht, dass hier womöglich etwas zu Ende geht.

 

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