Lena Stoehrfaktors Meisterinnenwerk “Blei”: Directors Cut von Kerstins Spex Review

von Kerstin

Extended Version! Hier kommt der “Director`s Cut” meiner Lena Stoehrfaktor-Rezension aus der aktuellen, letzten SPEX! Die Kategorie lautete „Lieblingskunstwerk der vergangenen 38 Jahre. Das “Blei”-Album ist im Mai 2018 erschienen.

Die last SPEX müsst ihr euch – by the way – sowieso unbedingt kaufen! Aus sooooo vielen Gründen! (Einer davon: von unserer Band DOCTORELLA ist ein Song auf der last SPEX CD, yeah!)  Ab 01. Februar: www.spex.de ABONNIEREN! Für nur 2 Euro im Monat weiterhin up to date sein! 😉

Lena Stoehrfaktor – Blei (Rauhfaser Records)

MIT DER BETONUNG AUF FAK“

“Der Freiraum in den Köpfen schafft den Freiraum auf der Straße / Realitäten können entstehen aus einer Seifenblase”

Über Sexismus und Homophobie im Deutsch-Rap zu streiten, ist längst zu einer Farce, zu einem Spiel ohne Konsequenzen geworden, geworden. Denn meistens bleibt die Aufmerksamkeit dann ja doch bei den männlichen Helden hängen. Wer seine Energie darauf verwendet, genussvoll frauenverachtende Songzeilen zu analysieren, verpasst aber womöglich den Aufstand der Frauen, Queers und trans*Rapperinnen dagegen. Jedenfalls wenn diese sich nicht porno kleiden. Seit Jahren erlauben sich die deutsche Medien den gefährlichen Luxus, weltbeste Rapperinnen wie Lena Stoehrfaktor zu ignorieren. Eure Energie, liebe Medienmacher*innen, wäre besser mal bei denjenigen aufgehoben, die die Genres sprengen, in dem sie die Werte der HipHop-Kultur gegen eben jene menschenverachtenden Strömungen des Deutsch-Rap richten, die sich immer weiter nach rechts entwickelt haben!

Lena Stoehrfaktor müsste eigentlich vor 12.000 Leuten im Stadion spielen (falls irgendwer da draußen überhaupt noch die revolutionäre Fantasie hat, sich sowas vorzustellen), aber die (Zivil-)Gesellschaft, die Hip Hop Szene, die Musikbesserwisser*innen, die Boheme und the people around, für die sie die richtigen Worte und die richtige Musik zur Zeit findet, sind eben noch lange nicht so weit wie die Songs ihres Meisterinnenwerks „Blei“!

Und so ist Lena eben auch in geschützten linken Räumen eine Juwelin und eine Legende vor der man den roten Teppich ausrollen sollte. Wenn man nicht wüsste, dass die Stoehrfaktor alles Autoritäre, alles oben und unten und jeden roten Teppich obendrein in der Luft zerfetzen würde, wie sie das so draufhat, mit jeder genüsslich betonten Zeile ihrer Reime. Wer keinen Bock hat auf die braven, angepassten, unterwürfigen Starspielchen des derzeitigen Turbokapitalismus-Survival-of-the-Fittest-Rap,  der/die  ist hier bestens aufgehoben. Ging es denn nicht mal darum Oben und Unten abzuschaffen, anstatt sich ohne das geringste Augenzwinkern noch aufs höchste Podest zu stellen? Genau. Deshalb „Flunkyballs“ hören!

Dasselbe gilt auch für die beiden anderen großartigen Heldinnen des Anti-Rap,  merkt euch auch Finna und FaulenzA, oder die Zukunft findet ohne euch statt. Verrückte unverrückbare Dinge, an die Frau Stoehrfaktor glaubt, sind: Selber-Denken, die Ordnung durcheinander bringen und neu sortieren, Kollektivität, Kampf für Leute, die nicht ins Stadtbild passen und verdrängt werden. Die Punk-Rock-Rapperin, die mit bürgerlichem Namen tatsächlich „Stoehr“ heißt (und nie klang „FAK“ so F*** wie aus ihrem Mund, nachzuhören auf dem Song „Mit der Betonung auf FAK“ ) hat ihr ganzes Leben in Berlin gelebt. Ihre Songs sind hammerharte, herzliche Miniaturen aus der Berliner Kälte, sind Rap und Antirap zugleich, und unnötig zu erwähnen, dass auch die Beats des Rappers ASI-ES, der das Album produziert hat, der krasse Hammer sind.

Die beiden bilden,  gemeinsam mit dem Rapper und Produzenten “Tapete”,  den Kern der sagenumwobenen Rauhfaser Clique. Hip Hop aus der Hüfte geschossen, mit Herz und Verstand, gegen die falsche Affirmation des neo-liberalen Luxus und für kollektives Zusammenstehen von ausgegrenzten Stimmen. Gegen falsche Vorstellungen von Weiblichkeit ebenso wie gegen den Rechtspopulismus der Mitte – und immer wieder auch gegen die verblödeten Rapper. Besonders toll wird das immer dann, wenn sie auch noch, mit all der ihr zur Verfügung stehenden Toughness und Radikalität, verkündet, dass sie – für die Hip Hop ebenfalls ihr Leben ist – viel zu lieb und zu nett ist, um bei all dem mitzumachen. Wie sie ihnen den Spiegel vorhält: lieb und nett sein als Rapperin, oder auf Jobsuche bei den unverschämten Praktika-Jobs? Fragt mal Lena Stoehrfaktor wie das  geht! Dabei hat sie genau die Mischung aus Originalität und Momentaufnahme der Realität, die mich begeistert.

Ich habe ihre drei Solo-Alben und ganz besonders „Blei“ das ganze Jahr über Tag und Nacht gehört, wenn ich nicht gerade die hippieske Antwort darauf, Faulenza, gehört habe.  Saugte begierig alles auf: diese Pointen, diese Reime, dieser Witz! Wenn sie z.B. im Song „Mama“ betont großspurig ud unnachgiebig in die Rolle der im Deutschrap vielgeschmähten „Mama“ begibt: „Rapper denken sie sind groß, dabei saßen sie viel zu lange bei Mama auf dem Schoß. Mich interessiert doch nicht wer von euch hier dicke Bälle hat, denn wenn ich will sitzt du bis Ladenschluss im Bällchenbad.“

In dem ihr eigenen poetischen Augenzwinkern lässt sie dabei offen, ob sie, die im zarten Alter von Anfang 30 bereits auf eine 15-jährige Rap-Laufbahn zurück blicken kann, nicht vielleicht wirklich stilgebende Muse war für so manchen heutigen Rapper war. Aber noch wichtiger sind ihre ehrlichen Tracks über die beschissenen Arbeitsbedingungen unter denen sie seit ihrer Jugend Jobs gemacht hat. Das Ausgebeutetwerden junger Leute durch angebliche „Praktikantenjobs“ wurde nie mit so viel Wut und Elan beschrieben wie bei ihr.

Lena steht in der Tradition des Straßenrap – aber mehr noch ist sie Polit-Rap: Mit ihr geht Deutschrap ganz am Ende zu seinen Anfängen zurück. Nach 1990er Jahre Kinderzimmerwohlstands Rap, nach Straßen und nach Gangsta Rap, nach Trap, und auch nach „Zeckenrap“, dem sie fälschlicherweise oft zugeordnet wird, macht uns Lena die Cora E., die wir, aus dem Wohlstand ausgeschlossenen oder abgestiegenen Schlüsselkinder, immer wollten. Sie ist straßenköterblond und lesbisch, sie ist weiß und sie ist eine Berliner Straßengöre, sie hat auf eine vernünftige Schulausbildung geschissen und ist trotzdem die beste Lehrerin, die man sich wünschen kann.

Sie ist der Beweis dafür, dass jedes Land und jede Stadt die Rapperinnen hat, die es verdient. Nur Deutschland nicht. Deutschlands misogyne Musikszene hat Lena Stoehrfaktor nicht verdient.

Zum Weiterlesen: “10 Fragen an Lena Stoehrfaktor” gab es bei uns im Mai 2018: http://www.ichbraucheeinegenie.de/2018/05/17/10-fragen-an-lena-stoehrfaktor/

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