Debbie Harrys Autobiografie – Das Mädchen aus den Märchenwäldern New York Citys

von Kerstin 

 

“Immer öfter fuhr ich jetzt nach New York. Damals betrug der Fahrpreis nicht einmal einen Dollar. Am liebsten erkundete ich Greenwich Village. Ick kam dort um etwas zehn Uhr morgens an. Um diese Zeit schliefen all die Bohemians und Beatniks noch, und alles war geschlossen. Ich lief einfach durch die Gegend, suchte nach nichts Bestimmtem und eigentlich doch nach allem. Saugte es in mich auf und versuchte, es zu verarbeiten. Kunst, Musik, Theater und dieses Gefühl, dass alles zum Greifen nah wahr. Man musste nur herausfinden, was zu einem passte. Ich verzehrte mich regelrecht danach ein Künstlerinnenleben in New York zu führen, und konnte es kaum abwarten, bis die Highschool endlich vorüber war.” (Debbie Harry)

 

Heute würde es ja vor allem darum gehen schnell mal berühmt zu werden, erzählt Debbie Harry in ihrer just auf Deutsch erschienen Biografie „Face it“ (übersetzt u.a. von dem wunderbaren Journalisten Torsten Groß), aber damals, als sie die berühmte Blondie-Frontfrau wurde, ging es vor allem darum, die Dinge ins Laufen zu bringen. Make things happen. In New York City der 1970er Jahre.

Debbie ist verliebt in dieses New York, genau wie Patti Smith, die große andere female Ikone dieser Zeit, wirft sie einen sehr genauen Blick auf die New Yorker Szene, die sie hervorgebracht hat –  und die fast so etwas wie der geheime Star dieser Autobiografie ist. Oder vielleicht auch die Neben-Hauptrolle spielt. Es ist ihr viel passiert in dieser Stadt, in die sie sofort, nach High School und zwei Jahren Art-College,  gezogen ist. Viel Schönes, viel Schlimmes. In ihrer Biografie verschweigt die Harry vor allem auch das Schlimme nicht. Sie sagt sogar, sie kann sich nicht daran erinnern in der Blondie-Erfolgszeit besonders glücklich gewesen zu sein. Was ein bisschen traurig ist, wenn man selber denkt, tagträumt, dass sie doch wohl das beste, tollste Leben überhaupt gehabt haben muss!

 

 

Viele Beinahe-Katastrophen: Autounfall, bei dem wie durch ein Wunder niemand verletzt wurde; eine beginnende Kohlenmonoxid-Vergiftung, vor der sie und ihr Lebenspartner und Bandmitglied Chris Stein nur in letzter Minute im Schlaf (von ihren drei Katzen) gerettet wurden, da diese sie mit den Pfötchen geweckt hätten (echte Helden!);  fiese Management-Verträge, und immer wieder: Gewalt. Auch diese Sorte Gewalt, die Mädchen erleben, die glauben, sie hätten ein Recht darauf es alleine through the wilderness, wie Madonna es einmal formuliert hat, zu schaffen.  Aber es ist wichtig, dass es sie gibt: Menschen wie Debbie Harry, die sich schon in den macho-geprägten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufmachten, nachts auch mal alleine durch die nicht-gentrifizierten, gewalttätigen Ecken von New York City zu laufen, oder besser: zu rennen. Und sei es nur, weil dort ein Freund wohnt, den man unbedingt besuchen muss. Nur wer sich den Raum nimmt, in der großen Stadt, kann sich, und andere, von den Ängsten befreien. Debbie hat immer an ihrer Vision von der Kreativität und künstlerischen Ausdruckssehnsucht festgehalten, schon als Kind wollte sie Künstlerin oder Bohemienne werden, und auch gegen den Spott der ansonsten verwöhnenden, guten (Adoptiv)-Mutter.

Man muss auch einfach mal daran festhalten, Künstlerin zu sein, denkt man beim Lesen dieses Buchs. Es sind nicht so sehr die Träume vom Ruhm, die sie träumt, sondern wirklich die vom künstlerischen Ausdruck. Sie entwirft ihre Klamotten selbst, spielt in Filmen mit, schreibt die meisten Songtexte der Band Blondie, singt unermüdlich ohne großes Honorar, z.B, im legendären Club CBGB`s:  zwei Jahre lange jede Woche, nur für ein paar Bier. Ich hätte sie mir narzisstischer vorgestellt als diese Autobiografie vermuten lässt, nicht so nett. Obwohl: dann auch wieder nicht. Wärme und Humor und sogar ein leichtes Augenzwinkern waren schließlich immer schon ein Teil ihrer Musik, Stimme, Texte und Ausstrahlung.

Es ist angenehm mit welcher Reflextionsfreude und gleichzeitiger Leidenschaft sie die (von Marilyn Monroe-inspirierte) Rolle beschreibt, die sie für sich selbst entworfen hat. Etwas Peroxid stand immer schon zuhause im Badezimmer herum, die Mutter hatte sich auch schon die Haare blondiert. Es ist bewundernswert; anbetungswürdig, wie sie sich letztlich selbst als diese Comic-Figur entworfen hat, lange bevor die Plattenfirmen das Gesamtkunstwerk Blondie dann als kommerziellen Hit-Träger vermarktet haben.

Debbie Harry hatte nicht nur ein hübsches Gesicht und eine coole Frisur, sondern auch immer schon ihren eigenen Kopf!  Dass sie und die Band so sehr von Sixties-Girl-Groups beeinflusst war,  hört man zwar der Musik an, diesen traum-tänzerischen, flotten, eingängigen Melodiebögen, aber so ganz klar war mir das trotzdem nicht, weil Blondie ja trotz allem den Punk verkörperten. Was Debbie Harry so auch jederzeit unterschreiben würde.

ARMUT, PUNK, BOHEME, WEIß, BÜRGERLICH

“Alles, was ich tat war Punk”, sagt sie.

Und Punk bedeutete wohl auch: bitterste Armut. Es ist erschreckend wie arm sie in ihren Zwanzigern, und auch noch zu Hochzeiten des Blondie-Erfolgs, war. Als Blondie bereits durch die ganze Welt tourten und Hits in den US und UK-Charts hatten, mussten sie und Chris Stein immer noch Gras verkaufen, um ihre, ohnehin billige, Miete zu bezahlen! Hat man da noch Worte? Dass sie in all den Jahren, wo sie energisch daran gearbeitet haben, die Band ins Rollen zu bringen, sich unter der Woche kaum etwas zum Essen kaufen konnten und sich dann einmal die Woche bei einer Mutter eines Bandmitglieds satt gegessen haben, hat mich mit am meisten geschockt, in dieser an schockierenden Geschichten nicht armen Biografie. Es zeigt einmal mehr wie lächerlich dieser Impuls der „seriösen“ Musikpresse doch all die Jahre über war oder ist, eine Band mit eingängigen Melodien und einer sexy Sängerin, die auch noch blond ist  – was geradezu das Wahrzeichen ist um als Musikerin nicht ernst genommen zu werden, und was natürlich auch für Debbie Harry ein Problem war – sofort unter Kommerz-Verdacht zu stellen (vom Slutshaming ganz zu schweigen). Und letztlich auszusortieren, wenn es darum geht, die wirklich credible Musik zu bestimmen.

Mehr Credibility als Debbie Harry sie angesammelt hat, ist kaum denkbar. Wie könnte eine Künstlerin noch credibler sein? Sie hatte ja, bevor sie sich in die Blondie-Frontfau verwandelte, durchaus „gute“ Jobs,  z.B. bei der BBC. Es zwang sie keiner in dieses arme, aber ereignisreiche, sexy Leben als Bohemienne. Wenn man intersektional-feministisch denkt,  ist aber auch klar, dass dieses selbstgewählt-risikoreiche Boheme-Leben vor allem dann möglich ist, wenn eben doch ein weißer, bürgerlicher Background vorhanden ist.

 

 

Was sich schon darin zeigt, dass sie immerhin all die Jahre über ein eigenes Auto hatte und den Schönheitsnormen der damaligen Zeit (und der heutigen) entsprach. Auch wenn sie sich über den Verhaltenskodex hinweggesetzt hat, der in weiblichen Schönheitsnormen ja auch enthalten ist. Dass es sich dann letztendlich doch ausgezahlt hat, konnte sie in all den Jahren, als sie unermüdlich Konzerte spielte und Lieder schrieb, zwar nicht wissen, aber vielleicht doch ahnen. Es macht Debbie Harry dennoch zu einem Vorbild für unzählige Generationen von Musikerinnen. Man könnte jetzt noch viele weitere Themenfelder aufmachen, diese Biografie ist schließlich sehr inspirierend.

Aber lest sie einfach selber, sie sieht genauso gut aus wie sie sich liest. Dick und bunt illustriert, und glanziert von einer Ausstellung von Fan-Art-Picsmist die Lektüre ein ähnlich sinnliches Erlebnis wie die Musik von Blondie selbst.

 

Dickes P.S.

Und ich habe mich, neben vielem anderen, einmal mehr gefragt, warum ich eigentlich an dem Tag, als sie ich sie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, auf dem uralten schwarz/weiß-Fernseher meines Bruders, nicht einmal in Farbe!, als Grundschülerin, damals in mein Tagebuch geschrieben habe: heute war der schönste Tag meines Lebens, ich hab eine Band mit einer ganz tollen Sängerin im Fernsehen gesehen. Ich meine, ich habe damals doch unzählige Sängerinnen im TV gesehen, die haben  nicht auch nur annähernd so etwas in mir ausgelöst: das Ende einer depressiven Stimmung, eine Riesenportion Hoffnung, das Gefühl nicht mehr ausgeliefert und ohnmächtig zu sein, die ZUVERSICHT, dass es mir schon gelingen wird, mein Leben eines Tages SELBER in die Hand zu nehmen und zu leben. Dass schon alles so kommen wird, wie ICH es will?

Hat sie, die selber aus einer sehr kleinen Stadt kommt, und in einem Haus nahe dem Wald aufgewachsen ist, eigentlich dem Dorfkind in mir suggeriert, dass es da draußen, auf einem ganz anderen Kontinent, irgendwo dieses tolle Leben gibt, für das man nicht mal besonders kaltschnäuzig oder fies sein muss, um es zu bekommen? Mit herzlichen Grüßen, direkt aus dem coolen, arroganten New York City (Was wusste ich von New York? Nichts, natürlich). 

Danach wollte ich natürlich selber Sängerin werden, ist ja klar.

 

Fan-Art der etwas anderen Sorte 🙂

 

Ist es nicht krass, dass in der Ausstrahlung eines Menschen alles, wirklich alles drin ist? So viele Jahre später lese ich diese Autobiografie, aber es ist, als wäre alles was da drin steht, tatsächlich von dieser Persona ausgegangen, zu sehen und auch zu fühlen gewesen; auch noch auf dem kleinsten Fernseher, im letzten konservativ-rechten Dorf im Odenwald. Der ganze Sex, die ganze Kunst, der ganze Hedonismus, die Verzweiflung und die Erlösung und die Übergeschnapptheit von Boheme-Existenzen, die ihre in Erfüllung gegangenen Träume leben; alles in einem Drei-Minuten-Popsong-Auftritt, im deutschen Fernsehen. (Wie ein Stück „Entnazifizierung“ –  ausgerechnet von der Band, die den selben Namen trägt wie Adolf Hitlers Schäferhund.)

Letzte Frage vor Beendigung dieser Review:

Wieso hat sie mich, als ganz kleines Mädchen, glücklich gemacht, wenn sie selbst nicht glücklich war? Sie war es eben, und das wird bei der Lektüre des Buchs dann auch wieder klar, natürlich doch – und wie! Kam nur selten mal dazu inne zu halten. Unter Dauerstress. Erfolgreiche Popstars sind immerzu im Stress; was auch ein Grund ist, nicht mit ihnen tauschen zu wollen. Aber danke, dass es sie  gibt und dass sie ihr ActionLife zur Schau stellen und mit uns teilen!

 

 

Debbie Harry -Face it! Die Autobiografie , ca 430 S, 25 Euro, Random House, 2019.

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