Neue Kolumne: Manic Mittwoch

von Kerstin

TWIN TALK bei 36 GRAD oder:

MELANCHOLISCHES PARADIES

 

„Was hab ich nur falsch gemacht, damals beim Tokio-Hotel-Interview, im Sommer 2009, in diesem Hamburger Hotel, das so abgesichert war wie eine Festung, dass Tom nicht mich, sondern Heidi geheiratet hat?, frage ich, laut grübelnd, meine Zwillingsschwester Sandra, als wir uns beim gemeinsamen Kaffeearbeitsklatsch gegenseitig die Gala mit der großen Hochzeitsbilderstory von Heidi und Tom aus der Hand reißen, während das rosafarbene Strawberry Bomb-T-Shirt schweißgetränkt auf meiner Haut klebt.

Immerhin hatte ich doch den Zwillingsbonus und Tom steht auf Blond.“ Ich registriere kurz, dass Heidi hübsch aussieht in dem italienischen Hochzeitskleid, das sich so luftig und weiß und löchrig an ihren Traumbody schmiegt. Sie ist genauso groß wie Tom. So groß möchte ich gar nicht sein, fühle ich mehr, als dass ich es denke. Laut sage ich: „Scheiße, ich war einfach nicht selbstbewusst genug, ich dachte ich wäre zu alt für ihn. Und jetzt das! Wer hätte gedacht, dass den Jungs „Alter“ so egal ist.“ „Das Problem ist, dass du Bill wolltest und ich eher Tom gut fand,“ wirft Sandra ein, während sie an ihrer Chia-Dinkelrosinenstange kaut, die sie von nun an immer essen will. „Und du bist nicht blond“, nehme ich ihr das Wort aus dem Mund, während ich die Details über den Dresscode der Hochzeit studiere: farbenfroh und lässig – „vor allem Tokio Hotel-Schlagzeuger Gustav und seine Frau Linda haben sich daran gehalten“, steht in der Bildunterschift. “Gustav ist alt geworden”, murmele ich, während ich gleich wahnsinnig werde, weil sie ausgerechnet heute, bei diesen stickigen Temperaturen, den Ventilator nicht in Betrieb haben, „Du hast halt einfach keine 90 Millionen auf dem Konto, und damals warst du noch ärmer,“ sagt Sandra achselzuckend.

Das ist fies“, entgegne ich, denn Heidi und Tom sind einfach die große Liebe, das sieht man doch. Aber Bill ist Tom bestimmt dankbar für alle Zeiten, dass er ihm so einen märchenhaften Luxus beschert hat. Luxus, der nie mehr endet – das war doch halt immer denen ihr Ideal, in ihrer Magdeburger RTL-Welt“, sage ich, leicht neidisch und gehässig: „Da gibt es nur Reichtum oder Gosse.“ Und du weißt doch, was „Pierre Bourdieu in „Die feinen Unterschiede“ geschrieben hat: nur Leute, die den selben Habitus haben, heiraten.“„Dann ist es wahrscheinlich das: du passt einfach nicht zu Tom, ganz andere Wertvorstellungen,“ sagt Sandra mit viel Gewissheit in der Stimme. „Na, ja, aber die Sache mit dem Schulhofmobbing hätte uns vielleicht verbunden“, gebe ich nicht auf: „Sie haben ihren Schulalltag ja mal als kriegsähnliches Szenario bezeichnet.

Ich hole tief Luft: „Also, wenn Tom mich geheiratet hätte, dann wären Tokio Hotel jetzt noch in den Charts,“ trumpfe ich auf: „sie würden weiter deutsche Texte und beinahe-rebellischen Gitarrenrock machen und Bill hätte sich als schwul oder bisexuell geoutet und sie hätten eine riesige schwule Fangemeinde auf der ganzen Welt. Und die weiblichen Fans wären trotzdem nicht abgesprungen, weil sie stolz darauf wären, dass sie die Ersten waren, die die Jungs entdeckt haben,“ spinne ich meinen Faden weiter, „Wieso haben die überhaupt angefangen auf Englisch zu singen? Wenn die Mädchen in Israel wegen mir Deutsch lernen würden, dann würde ich bestimmt nicht die Sprache wechseln. Was kann es für ein größeres Kompliment geben?“

Wir reden so, wie wir immer über Tokio Hotel reden: was sie alles falsch gemacht haben in ihrer Karriere und ob daran nicht auch die Plattenfirma Schuld ist, die nicht geschnallt hat, wie es weitergehen muss. Und den treuen Fan-Mädchen das Geld aus der Tasche gezogen hat, mit immer noch mehr Sonder-und Special-Editions und der ganzen Erlebnispark-MeetAndGreet-Scheiße in der „Humanoid“-Phase.

Ich wundere mich ein bisschen, dass ich dieses Gespräch, das Sandra und ich schon tausend Mal hatten, auch noch bei 36 Grad hinkriege, während ich auf einem wackeligen Barstuhl sitzend durch die Fensterscheibe auf die Straße starre. Alle Mädchen in Prenzlauer Berg sehen ein bisschen aus wie Heidi. Die Menschen sind schön und im Sommer sind sie noch schöner. Sie kommen mir vor wie unschuldige Welpen. Ihr Lächeln ist echt, zumindest das von dem Mädchen mit den hochgesteckten Dreadlocks und dem Jeans-Mini das, direkt vor meiner Fensterscheibe ins Handy schreit und dabei lächelt. Wenn ich draußen VOR dem Cafe sitzen dürfte, wäre die Hitze vielleicht erträglich. Ich bleibe trotzdem auf meinem Stuhl kleben, denn Aufstehen wäre viel zu schweißtreibend und schütte noch mehr kaltes Mineralwasser in mich hinein. Ich hänge auch immer noch an dem Gedanken, ich könnte hier drinnen Business-Mails schreiben. Außerdem bin ich Sandra noch ein Argument schuldig.

 

Our Tokio-Hotel-Interview für INTRO, Hamburg, 2009

 

Die Fans wollten doch von Tokio Hotel keinen Billigpalmenplastikeuro-Pop, sondern die Illusion von rebellischem Rock, mag er auch noch so bubblegumperfekt gewesen sein“, sage ich. „Man hätte die Mädchen ernster nehmen müssen: für die Tokio Hotel Fans war ihr Euro Trash der Spätphase genauso der Feind, wie es sie für jeden männlichen Gitarrenrockfan auch gewesen wäre.

Das war ja auch schon das Karriere-Ende von Conchita Wurst“, behauptet Sandra, die heute dasselbe Strawberry-Bomb-T-Shirt aus dem New Yorker trägt wie ich.„Dieser internationale Glamour-Sound, der aber ohne jeden textlichen Tiefgang daherkommt. Tokio Hotel haben ihren Hauptsongschreiber entlassen. Die haben scheinbar vergessen, wie wichtig die authentischen Texte bei ihnen waren. Die Fans wollten doch von denen keine L.A.- Klischee-Texte.“ „Aber vielleicht haben Tokio Hotel ja „Trap“ vornweg-genommen?“ versuche ich dann doch noch die Ehre meiner Zwillings-Brüder zu retten: „Der ganze Autotune Sound auf „Automatic“. Das war ja fast innovativ!“ „So ein Quatsch“, widerspricht meine Zwillingsschwester heftig. Sie scheint dabei gar nicht zu schwitzen, sie fühlt sich, wie immer, pudelwohl in ihrem winzigen Lieblingscafé und ordert noch eine eine neue Suppe. Suppe! Bei 36 Grad! Der Sommer ist ein Genuss für sie, immer und überall, so sehr hasst sie den Winter. Eigentlich wäre meine Schwester auch reif für L.A., denke ich, sie hat sich ebenfalls wie Tokio Hotel vom „Drinnie“ zum „Draußie entwickelt, egal doch jetzt, ob blond oder brünett“.“Wer verliebt sich schon in eine Computerstimme?“ flucht sie.

Dann halte ich es nicht mehr aus. Ich schnappe mir meinen rosa Hut, mit dem mich in diesem Sommer jeder für PlemPlem hält, und den ich so liebe, wie ich noch nie einen Sommerhut geliebt habe, weil er so schick ist, und gleichzeitg so trash, und weil er so farbenfroh und lässig ist, wie Erdbeereis mit Basilikum, und stürme nach draußen. Mein Blick fällt auf das Café-Schild: Bio -Smoothie: 6,50 Euro. Vielleicht sind wir schon in L.A.?, überlege ich.

Der Wind hier draußen scheint aus einer anderen Zeit zu kommen: es ist das schönste Wetter der Welt, wie damals, als ich bei weitem noch nicht bereit war für ein Leben im Augenblick.  Im warmen Wind zu gehen wühlt mich auf. Es ist der schönste Monat des Jahres, selbst an einem Mittwoch-Nachmittag. Melancholic Paradise, so humanoid. Gegen Ende des Sommers werde ich immer hysterisch, Der Sommer soll sich nicht so verausgaben, nicht, dass er sonst bald vorbei ist!Ich erinnere mich an die Verzweiflungsmomente dieses Jahres und bete all die stummen Gebete noch einmal, aber nur, weil ich jetzt so glücklich bin. Dabei ist erst Mittwoch. Ich muss mich beeilen.

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