Filmreview: “A Star Is Born” mit Lady Gaga ist ein einziger Schlag in die Magengrube

Von Leonie Scholl

Meine unendliche Verehrung für Lady Gaga führte dazu, dass ich mir den Film „A Star is Born“ angeschaut habe und es ist ein einziger Schlag in die Magengrube für jede Person, die sich in den vergangenen 12 Monaten oder darüber hinaus im Sinne von #metoo engagiert hat und all die Unabhängigkeit, die sich Künstlerinnen seitdem hart erkämpft haben.


Um es kurz zu fassen sagt dieser Film eigentlich nur aus, was sowieso schon alle wissen: Frauen sind der Untergang jeder männlichen Karriere und können ohnehin nur erfolgreich werden, wenn sie sich einen berühmten Mann angeln und nach oben schlafen.

 

 

Kann selber Gitarre spielen & Songs schreiben (wenn auch Film & deutsches Filmposter etwas anderes suggerieren): Lady Gaga.


Etwas länger ausgedrückt geht der Plot folgendermaßen (Achtung, Spoiler ahead!): Creepy old dude mit Alkoholproblem gräbt talentierte junge Künstlerin an, das ist völlig in Ordnung weil er ein berühmter Sänger ist. Auch, dass er plötzlich uneingeladen in ihrer Wohnung, ihrem Schlafzimmer und auf ihrer Arbeit auftaucht geht in Ordnung, weil er ist ein fucking berühmter Typ!!! Sie hingegen ist das typische rough girl, lässt sich zwar nichts sagen, ist aber immer noch weiblich genug sozialisiert, um gerne und freudig den Haushalt zu übernehmen und allen Männern um sich herum schöne Augen zu machen. Als Jack ihr mitteilt, dass sein Vater eine unter-18-Jährige geschwängert hat reagiert sie mit einem Lachen. Hahaha, ein Teufelskerl, Jacks Vater, fast so einer wie Jack selbst (die männliche Hauptrolle wird gespielt vom Regisseur und Co-Drehbuchautor Bradley Cooper persönlich, ein Teufelskerl!).


Nun erkennt Jack, Genie wie er ist, natürlich sofort das Talent der jungen Frau und lässt sie gönnerhaft bei einem seiner Auftritte mitsingen. Der Kommentar seines Bruders dazu: “Jack hat das noch nie eine Frau machen lassen!“ (Frau = Inbegriff des Bösen, Frau mit auf die Bühne lassen? Um Gottes Willen!). Das Publikum ist begeistert und flux wird sie gesignt und von einem zwielichtigen Manager unter die Fittiche genommen. Das Einsingen im Studio gestaltet sich jedoch schwierig. Ally, so ihr Künstlername, ist nervös. An dieser Stelle sehen wir den vielleicht ungewollt realistischsten Moment des gesamten Filmes, den vermutlich jede Künstlerin schon einmal durchlebt hat: Man steht alleine vor einer Gruppe Männer, die vollkommen desinteressiert auf ihren Handies herumspielen, offensichtlich nicht wissen wie man mit der Situation und einer Frau im Arbeitsumfeld umgehen soll, sie stöhnen genervt und verdrehen die Augen. Aber natürlich ist es nicht dieses toxische, unfreundliche Umfeld das Ally zusetzt, nein! Gönner Jack erkennt es sofort: Es ist ihr Klavier, das fehlt. Nachdem es ins Studio gebracht wurde, und Jack ihr die Worte: “Du bist so schön!“ zuflüstert, läuft’s wieder bei Ally, weil das alles ist, was eine Frau hören muss, um zu funktionieren: Du bist schön!


So geht es munter weiter mit dem klischeebeladen Sülzdrama. Ally lässt sich natürlich wie für Frauen so üblich von ihrem Manager hin und her biegen, besteht aber noch auf ein bisschen Authentizität, indem sie sich die Haare statt wie vorgeschlagen blond (=Inbegriff des Bösen!) nur orange färbt und bei einem Auftritt auf zusätzliche Tänzerinnen verzichtet (was aber vom klischeegewohnten Zuschauenden auch als Hass auf weibliche Mitkonkurrenten interpretiert werden könnte). Jack macht ihr bei einem Ausflug zu einem alten Freund einen Heiratsantrag und sofort wird von allen Anwesenden über ihren Kopf hinweg entschieden, dass das die allerbeste Entscheidung ist. Denn Jack fühlt sich bei ihr wie Home. Wie sich Ally dabei fühlt ist völlig egal, darum geht es ja nicht (auch wenn sie von fucking Lady Gaga gespielt wird, Lady Gaga!!!)
Die beiden heiraten noch am gleichen Tag, sehr weird,  aber egal. Während Ally in ihrer Karriere aufblüht geht es Jack zunehmend schlechter, er ist drogenabhängig und Alkoholiker. Im Rausch und aus Eifersucht auf ihren Erfolg erzählt er ihr, dass sie vollkommen talentlos ist und hässlich dazu. Das trifft Ally tief, denn hier liegt ihre größte Angst (wie bei Frauen normal): Dass sie hässlich sein könnte. Aber er hat das ja gar nicht so gemeint, er war besoffen, er entschuldigt sich kurze Zeit später und Ally verzeiht ihm natürlich alles weil love.


Während es in ihrer Karriere immer weiter bergauf geht, muss er gleich die nächste Schlappe einstecken. Bei einer Show wird er durch einen jüngeren Sänger ersetzt – okay, alles soweit noch in Ordnung, das ist ihm früher in seiner Karriere auch schon andersherum passiert. Als beim Auftritt dann aber zusätzlich noch eine Frau (!) mit am Mikro steht und er nur an der Gitarre hinten mitspielen darf ist alles vorbei. Es kommt zum vollkommen Zusammensturz des Patriarchats äh- alternden Künstlers. 
 Ally hingegen ist für 3 Grammys nominiert. Ihr großer Auftritt wird ihr dadurch zerstört, dass ein total benebelter Jack bei ihrer Ehrung die Bühne stürmt und darauf zusammenbricht. Aufopfernd und selbstlos wie man als liebende Frau so ist ist Ally ihr eigener Auftritt egal, alles was zählt ist Jack. Sie ist sogar bereit ihm zuliebe ihre Tour abzusagen.


Jack lässt sich in eine Klinik einweisen und verschwindet erstmal von der Bildfläche. An dieser Stelle warte ich darauf, dass Ally in Jacks Abwesenheit etwas mit ihrem Manager angefangen hat, um nochmal zu demonstrieren wie perfide und aufmerksamkeitsgeil Frauen sind, doch dieses Klischee bleibt uns glücklicherweise erspart. Stattdessen findet sie ein Liebeslied, das Jack für sie geschrieben hat. Die Rollen sind nun klar vertauscht: Jack ist der hilfesuchende Alkoholiker und Ally die Gönnerin, die ihn in ihre Show miteinplant. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn vor Angst (oder auch Schmach?) vor dem gemeinsamen Auftritt greift Jack zurück zu alten Mustern und wird rückfällig.


Ally gibt sich (natürlich) die Schuld, bis Jacks Bruder den einzig sinnvollen Satz des gesamten Films sagt: „Jack allein ist schuld für sein Verhalten und niemand sonst.“ Sie singt sein Lied „I‘ll never love again“ und besiegelt damit metaphorisch, dass sie nach Jacks Fortgang niemanden anderen jemals lieben wird als den größenwahnsinnigen Narzissten Jackson Maine. Jetzt mag der ein oder andere sagen, das ist Romantik, Leonie was ist dein Problem, ich sage das ist der allergrößte Bullshit den ich seit ewiger Zeit gesehen habe. Denn dieser Film hat keine versöhnende Message, dass zum Beispiel Frauen und Männer einfach koexistieren können und jeder Erfolg haben darf. Die einzige Aussage dieses Filmes ist, dass Frauen Unglück und Not und Tod über Männer bringen, sobald man ihnen zu viel Einfluss zugesteht.


Wann wird endlich mal so wahnsinnig viel Budget in ein MusikerINNENdrama gepumpt, geschrieben und directed von einer FRAU, oder zumindest keinem rich white dude, dessen einziges Problem in der Welt sein eigenes Selbstmitleid ist. Diese Geschichte ist so klischeebeladen und millionenfach gehört, dass es mir aus den Augen rauskommt. Und das traurigste daran ist, dass er vor allem durch seine Hauptdarstellerin vermarktet wird und viele Kinogänger*innen denken, es handle sich dabei um Lady Gagas Lifestory. Dabei basiert der Film auf einer Filmvorlage aus dem Jahr 1937. Und da hätte er auch besser bleiben können.

 

Anmerkung der Redaktion: Wir sind Leonie Scholl dankbar, dass sie es durchgehalten hat, diesen Film zu Ende zu schauen. Wir haben schon beim Betrachten des Filmplakats  kein Bock mehr auf “A Star is Born” gehabt: wie kann es sein, überlegten wir, dass in einem Film bei dem Lady Gaga die Hauptrolle spielt (und ja, auch wir dachten, es handele sich um eine Adapation ihres Lebens) ein Mann auf dem Plakat die Gitarre spielt, und Gaga zuschaut. Merke:  Eine Gitarre gehört in Männerhand. Später fiel uns auf, dass dieses Plakat nur das DEUTSCHE Filmplakat ist! :)! SIC!

 

 

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